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>StadtKlangNetz<

Prof. Hans Schneider, Hochschule fŸr Musik Freiburg, Initiator der "Klangnetze", einer der GŠste der Kšlner StadtKlangNetz-Konferenz, im Interview:

Wie schŠtzen Sie den derzeitigen Hype um kulturpŠdagogische Projekte ein?

Die vielen AktivitŠten auf kulturpŠdagogischer Ebene sind selbstverstŠndlich zu begrŸßen, vor allem deshalb, weil mannigfaltige AktivitŠten entstehen, ausgehend von den unterschiedlichsten kulturellen wie pŠdagogischen Einrichtungen und mit Blick auf diverseste Personengruppen, im einen Fall mit mehr kŸnstlerischer, im anderen mit mehr pŠdagogischer Intention. Es ist ein Angebot im Entstehen, das sich gegenseitig befruchten kann und eine Diskussion in Gang gesetzt wird, die sich kŸnstlerisch-Šsthetischen und methodisch-didaktischen Fragestellungen widmet. Dies ist die eine, die erfreuliche Seite. Auf der anderen Seite sind natŸrlich auch Entwicklungen feststellbar, die zu hinterfragen sind. Dies betrifft vor allem das Inhaltliche: oft steht der Akt bzw. die Art der Vermittlung im Vordergrund und nicht das zu Vermittelnde - in diesen FŠllen ist dies austauschbar. Oder es wird mit falschen Argumenten fŸr ein Projekt geworben (z. B. das Projekt Der Schrei des SWR-Orchesters Baden-Baden/Freiburg wird mit dem Slogan beworben, dass die PŠdagogik dabei auf den Kopf gestellt werde und dabei aber in der um Jugendliche werbenden Auftaktveranstaltung PŠdagogik-pur in einem einengenden Sinne betrieben wird).

Entstehen hier fruchtbare Synergien zwischen Kunst und PŠdagogik?

Wie schon vorhin angedeutet: NatŸrlich entwickeln sich fruchtbare Synergien - sowohl die Kunst/die KŸnstlerInnen als auch die PŠdagogik/die PŠdagogenInnen betreffend. Ich denke dabei an Lebenshaltung und -fŸhrung, an das vielfŠltige methodisch-didaktisch Repertoire innerhalb der PŠdagogik, an die unterschiedlichen Herangehensweisen an Aufgabenstellungen und Probleme u. €.

Kann man mit SchŸlern kŸnstlerisch arbeiten ohne die Kunst zu pŠdagogisieren und zu kompromittieren? Welche Voraussetzungen mŸssen dazu erfŸllt sein?

Ein klares Ja, wenn die PŠdagogik und die Institution Schule sich kŸnstlerischen Prozessen gegenŸber šffnet. Und diese sind nicht immer genau vorhersehbar, oft nicht eindeutig, sondern vieldeutig. D. h. unter anderem, dass diese kŸnstlerischen Arbeitsweisen nicht einer Ÿblichen schulischen Leistungsmessung unterzogen werden kšnnen - leider glauben noch viele, dies tun zu mŸssen -, und dass die Ÿblichen Rahmenbedingungen von Schule (z. B. der 45-Minuten-Takt von Schulstunden) flexibel gehandhabt werden mŸssen. Aus musikpŠdagogischer Perspektive ist es im Gegensatz zur Kunstausbildung nicht gegeben, dass die MusikpŠdagogInnen in ihrer Ausbildung mit dem gegenwŠrtigen Komponieren und Musikproduzieren konfrontiert werden, sondern immer noch sehr traditionsbezogen und mit dem Schwerpunkt "Reproduktion" ausgebildet werden. Deswegen ist es fast unabdingbar, dass die MusiklehrerInnen hier von Professionalisten, von KomponistInnen und MusikerInnen unterstŸtzt werden.

Um welche Lernziele sollte es dabei Ihrer Ansicht gehen (z.B. vor dem Hintergrund der Bastianstudie und der verbreiteten Indienstnahme der MusikpŠdagogik fŸr sozialpŠdagogische Zwecke)?

An erster Stelle sollten meiner Meinung nach immer kŸnstlerisch-musikalische Lernziele stehen, angefangen von elementaren musikalischen Grundkenntnissen, die bei jeder musikalischen Gestaltung zum Tragen kommen, Ÿber Erfahrungen beim gemeinsamen Musikmachen bis zu komplexeren musikalischen Gestaltungsmšglichkeiten von MusikstŸcken. Neben diesen Grunderfahrungen von "Wie und warum gegenwŠrtige Musik" gemacht wird kann es auch um andere Intentionen gehen (bewusst oder unbewusst, geplant oder nicht geplant - andere Intentionen spielen beim Arbeiten im schulischen/pŠdagogischen Kontext immer eine Rolle). Ich persšnlich verwehre mich gegen eine allgemeine Indienstnahme und die Funktionalisierung der Musik und der MusikpŠdagogik fŸr "Musik macht intelligenter", "sozialer", "humaner" usw. NatŸrlich kann sich in bestimmten Kontexten im Verlauf eines Projekts ein außermusikalischer Inhalt zum zentralen Ziel herauskristallisieren oder fŸr eine "Problem"-Gruppe ein Musikprojekt als Hilfsmittel fŸr eine mšgliche Lšsung oder Hilfestellung dienen: in diesen FŠllen sollte dies klar deklariert werden und nicht unter einem Pseudodecknamen durchgefŸhrt werden. Zu bevorzugen sind meiner Meinung nach aber Projekte, bei denen musikalische Inhalte im Zentrum stehen. Und so wie bei jeder gut gelungenen Arbeit mit einer kleineren oder gršßeren Gruppe gibt es auch unter solchen Voraussetzungen Lernziel orientierte "NebenschauplŠtze" - die manchmal auch ins Zentrum rŸcken kšnnen - wie positive Erfahrungen innerhalb der Gruppe, Gemeinschaftserlebnisse, das Entwickeln von Problemlšsungsstrategien, †berwinden von lethargischen Haltungen, Akzeptanz diverser Vorgangs- und Handlungsweisen usw.

Wie hat das Projekt Klangnetze versucht, diese Fragen zu beantworten?

Tja, das ist eine ganz schšne Weile her ... Einige Punkte kann ich dazu aber noch nennen: Im Rahmen des Projekts "Klangnetze" arbeiteten immer 3er-Teams miteinander (1 PŠdagoge/in und 1 KŸnstlerpaar (im optimalen Fall ein/e KomponistIn und ein/e MusikerIn). Diese wiederum waren eingebunden in eine gršßere Gruppe von Projektteams, die miteinander auf die Arbeit vorbereitet wurden, sich zum Austausch und zur Endreflexion immer wieder getroffen haben. Dies bedingte eine Diskussionskultur, beginnend schon im Leitungsteam des ganzen Projekts (2-5 Personen) Ÿber die Kleingruppe bis zur Großgruppe, die im Laufe der 9 Jahre "Klangnetze" konsequent entwickelt und gepflegt wurde. Dabei kam diese Problematik immer wieder zur Sprache. Und ein Resultat war: KŸnstler- und ProfimusikerInnen fŸr Projekte zu engagieren bedeutet, kŸnstlerische Zielsetzungen in den Vordergrund zu stellen. FŸr sozialpŠdagogische Intentionen gibt es andere, besser qualifizierte Personen. Trotzdem war es mšglich - und dies ist in der RealitŠt auch vorgekommen -, dass im Verlauf eines Projekts der kŸnstlerisch-musikalische Prozess gŠnzlich in den Hintergrund getreten ist und es der Kontext einfach verlangt hat, dass Außermusikalisches wie Integration, Umgang mit dem Kšrper oder der Stimme ins Zentrum gerŸckt ist. Ein Diskussionsthema stand doch immer im Zentrum: Wie beurteilt man von Laien geschaffene kŸnstlerische Produkte und die Prozesse, die dazu gefŸhrt haben? Gibt es dafŸr Šsthetische QualitŠtskriterien? Auch hier haben wir im Laufe der Jahre viele Erfahrungen gesammelt und aus heutiger Sicht und mit den Erfahrungen, die ich bisher in anderen Kontexten gemacht habe, kann ich sagen, dass dies - das Šsthetische Urteil, die KritikfŠhigkeit und die Kritikakzeptanz -besonders schwer ist, aber existenziell notwendig, damit diese Art der Auseinandersetzung mit Kunst im pŠdagogischen Kontext sich auch weiter entwickeln kann und ihre Daseinsberechtigung erhŠlt.